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Oscar Fraas (1824 - 1897) reiste erstmals 1864/65 in den Orient und bereiste Ägypten und Palästina bevor er nicht ganz ein Jahrzehnt später, auf Bitten des syrischen Gouverneurs, 1875 den Libanon bereiste und diesen, insbesondere im Hinblick auf mögliche Bodenschätze hin, erforschte.
Seine Eindrücke schildert Fraas in einigen Reisebriefen, zunächst im Schwäbischen Merkur, dann in seiner Publikation "Drei Monate am Libanon": «(...) es sind Plaudereien, denen der Verleger die Ehre anthut, sie noch einmal zu drucken».
Bord der Venus 18. April 1875. Mit Sonnenaufgang lag der fahle Strand zwischen Gaza und Jaffa in Sicht, der als ersten Anblick vom heiligen Lande nicht gerade freundlich den Pilgersmann anmuthet. Die breite Sanddüne, die mit jedem Jahr wächst und längs der ganzen syrischen Küste immer weiter vorwärts schreitet, theilt der Landschaft eine unendliche Oede mit, dass seit Jahrhunderten sicherlich jeder Abendländer bei dieser Aussicht die erste der großen Enttäuschungen erfährt, die ihm das gelobte Land in so großer Menge bereitet. Um zehn Uhr viel endlich der Anker und es begann das grausige Schauspiel der Ausschiffung. Auf der Treppe des Dampfers stehen zwei hilfreiche Araber, der dritte im Boot. Die zwei fassen den unglücklichen Abendländer, hängen ihn in die Luft über das Boot und lassen ihn in dem Augenblick, fahren, wenn
dessen Boden beim Aufwärtsschwanken die Füsse berührt. Fortgeht es dann mit entsetzlichem Geschrei zehn Minuten lang, berauf und bergab durch die Brandung an's Land. Immer noch geht es durch das kleine Loch von Douane in die enge, holprige, schmutzige Gasse zum heiligen Land hinein, durch das seit einem Jahrtausend der Abendländer hereinzieht. Zum alten Thor geht es wieder hinaus zum arabischen Kirchhof: anstatt aber gegen Osten sich zu wenden auf der grossen, breiten von Opuntien eingefassten Strasse, die nach Jerusalem führt, gehen wir nordwärts durch die Hecken, wo aus der Ferne schon freundlich neue Häuser winken (...).
Beirut, Hotel Rustem Pascha den 22. April 1875. Montag den 19. April, Abends vier Uhr war endlich die Fahrt von Stuttgart nach Beirut zu Ende. (...) Ein Diener des Pascha erwartete mich in der Barke und entführte mich rasch den Getümmel des Hafens und der Douane mit einer Karosse in das herrlich gelegene Hotel. Unter der Thür erwartete mich eine Dame, die deutsche Frau eines Angestellten, welche das Hauswesen des Paschas überwacht. Der Pascha war noch in Baada, wo die Administration des Libanon ist. Beirut Stadt gehört nämlich zu Syrien, der Fluss hinter der Stadt scheidet Syrien und den Libanon. Der Generalgouverneur des Libanon hat seine Wohnung zwar, aber nicht seinen Sitz in Beirut, sein Sitz ist Baada und Beteddin. Gestern fuhr ich mit dem Pascha nach Baada, einer alten aber neu hergerichteten Emirsburg, malerisch auf einer Höhe von 242 Meter über
dem Meer gelegen, über einem an den Berg gelehnten Maronitendorf gleichen Namens.
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Blick auf das moderne Beirut von heute.
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Djéba am 1. Mai 1875. Wo Djéba liegt, weiss natürlich Niemand in Württemberg, weiss ich es selber doch erst seit wenigen Tagen; und doch ist Djéba der Sitz des Schech Abdallah, des achtzigjährigen Meteollitenpapstes, der Geleitbriefe ausstellt bis über Persien hinaus und das Land im Paradies meterweise verkauft an seine Gläubigen. (...) In der ganzen Gegend um Djéba dreht sich das ganze Leben um die Seide. Feigen- und Weinpflanzung tritt der Kultur des Maulbeerbaums gegenüber ganz in den Hintergrund, da letzterer das Futter für die Raupen abgibt. Djéba ist reizend gelegen , bereits in einer Höhe von 850 Meter auf einem der Ausläufer des Libanon. Die höchste Höhe heißt Nebi Safé, 1340 Meter über dem Meer, von der aus wir weithin sahen und die ganze Kette vom Karmel bis zum See Houleh und
Tiberias im Morgenglanz einer Frühlingssonne ausgebreitet lag. Der Djebel Schechm oder der grosse Hermon liegt noch in undurchdringlichem Schnee begraben (...).
Hamána. Unter dem Zelt den 14. Mai 1875. Heute ist das grosse Wasserfest in Beirut, das heisst das Fest der Einweihung der Wasserleitung, welche der Stadt vom Nahr el Kelb her nunmehr das Trink- und Nutzwasser bringt. Aus Nah und Fern sind Gäste geladen, der Valy von Damaskus, Abdelkader, der obgleich ergraut, noch recht schmuck zu Pferde sitzt, die sämtlichen Gesandtschaften, die Mudire und Kaimakane, Alles, was in Beirut Beine hat wird heute zum Hochreservoir über der Stadt hinauswallen, um die Msuikbanden zu hören und die Uebergabe des Wasserwerks an den Pascha de Stadt mitanzusehen und das "Allah Nasroh" mit auszurufen, das aus der Ferne klingt wie ein "Hoch", denn das "Allah Nasr" wird halb verschluckt, um das "oh" recht kräftig zu dehnen und zu brüllen. Ich zog es vor, um meine Zeit zu sparen und nicht unnöthig in dem schon recht heiss
gewordenen Beirut herum zu liegen, nach zweitägiger Rast meine Expedition fortzusetzen (...).
Kerak Nöe, 20. Mai 1875. Der Weinbau im Libanon. Ich schreibe diese Mittheilung mitten im Weinland des Libanon, in Erinnerung an den kommenden Urbanstag, ich schreibe diese Worte im Zelt, das neben den Weingärten von Kerak Nöe aufgeschlagen ist, unfern vom Grabe Noahs, der hier wie bei uns der Vater des Weinbaus heißt. (...) Seit ich aber den Wein von Sachlé, Kerak und dem Bekáa (das Tiefland zwischen Libanon und Antilibanon) gekostet, ist mir begreiflich, warum Vater Noah von der frommen Sage gerade hierher verlegt wird. In dieser Gegend ist wohl die Wiege des Weinbaues, die Heimath des Weinstocks zu suchen, der Wild aus den Waldbäumen, mit Vorliebe den Eichen, hinaufklettert, so dass man aus der Ferne nicht recht weiss, was für einen Baum man vor sich hat, der die Gestalt eines Eichbaumes hat, aber die Blätter des Weinstocks trägt.
(...) Man glaube ja nicht, dass der Weinbau im Libanon so roh betrieben werde, als es z.B. in Jaffa der Fall ist oder selbst in Italien. Vielmehr wird mit großer Sorgfalt überall gebaut und sicherlich beruht auch die Erziehung des Stocks auf Jahrtausende alte Erfahrung (...).
Unter den Cedern, 24. Mai 1875. Ganz abgesehen von dem Rufe der Heiligkeit, in den die Cedern des Libanon gekommen sind, abgesehen von dem uralten Ruhm, dieser Bäume, den schon die Sänger des alten Bundes schufen, macht der Cedernhain bei Bscharreh einen ganz gewaltigen Eindruck, namentlich zur jetzigen Jahreszeit, wo derselbe eigentlich aus den riesigen Schneemassen, welche das Gebirge decken, als eine schwarze Insel hervortritt. Vorgestern verließ ich mit meiner Expedition die alte Sonnenstadt Baalbeck, wo ich in den Ruinen des Jupitertempels die Zelte hatte aufschlagen lassen. Baalbeck ist heute noch eine Sonnenstadt, denn wir hatten 30° C. im Schatten.
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Die Zedern sind eines der Wahrzeichen des Libanon.
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Nach einem vierstündigen Ritt durch die Ebene des Bekâa zum rothen Kloster fing das Steigen an und erreichten wir Aintaa über dem Alpensee Yamuneh mit Sonnenuntergang. Trotz der 1484 Meter über dem Meer war es zwar frisch, aber nicht kalt und wir brachen um 4 Uhr früh auf, um den in tiefem Schnee begrabenen Pass al Adib, der zu den Cedern führt, zu übersteigen. (...) Um 7 Uhr schon waren wir auf der Höhe, wo das Thermometer 6° zeigte und der letzte Blick des Abschieds auf das reiche Bekâa und die Berge von Damask geworfen wurde. Der Blick vor mich hin zeigte in der Ferne das Meer mit der ganzen phönicischen Küste von Tripoli bis Dschebail, in der Nähe die schluchtenreiche Provinz von Bscharreh und in nächster Nähe ein grosses Schneefeld, aus dem inselartig graue Felsmassen auftauchen und schliesslich ein schwarzer Fleck zu
unseren Füssen sichtbar wurde, der, je tiefer wir abwärts stiegen, um so grösser ward und gegen 10 Uhr Vormittags sich in den heiligen Hain der Cedern aufgelöst hat. Menschen und Thiere waren geschunden und ich liess die Zelte unter einer dreitausendjährigen Ceder aufschlagen (..).
Lager am Nahr el Kelb, den 7. Juni 1875. Die Expedition naht ihrem Ende. Zum letzten Male ist das Zelt aufgeschlagen, und zwar am Meeresstrand bei der Mündung des Hundsflusses. Zehn Schritte vom Zelt brandet die ewige Welle, die hier das Süsswasser des Stromes verschlingt. An diesem Punkt tritt das Gebirge des Libanon hart bis an das Meer, ohne auch nur den schmalsten Streifen Ebene zwischen dem Hochgebirge und dem Meer zu lassen. Die grosse Küstenstrasse Syriens, auf welcher seit den ältesten Zeiten die Völker und Heere hin und her zogen, ist daher in Felsen gehauen, und dieselben haben von den Zeiten der Assyrer her bis in die neueste Zeit durch Inschriften sich verewigt. (...) Von der Felsplatte 300 Meter über dem Meere, die von hier erstiegen werden kann, warf ich den letzten Blick in das Hochgebirge das Kesruans, die wildeste und raueste Provinz des Libanon.
(...) Glücklicher Weise sind unsere Knochen noch ganz und können morgen sämmtliche Mitglieder der Expedition gesund und wohlbehalten wieder in der alten Pinienstadt einrücken. Trotz aller Mühseligkeiten und Gefahren des dreiundvierzigtägigen Rittes auf den unwegsamen Pfaden des Hochgebirgs regt sich jetzt schon beim Abschied eine Art Heimweh nach der wunderbaren Felsenschönheit, nach dem herrlich frischen Wasser, den unvergleichlich schönen Sternennächten und dem erquickenden Schlaf im Zelte, mit dem es fortan eine Ende haben wird im heissen Beirut, wo voraussichtlich Schaaren unwillkommener Gäste das Nachtlager wieder mit uns theilen wollen.
Bord der Diane den 17. Juni 1875. Ich fahre diese Tour in erster Kajüte, um allein meine Kabine zu haben, denn es graute mir bei 30° im Schatten vor dem gemeinsamen Schlaf- und Speisesalon. Die 30° im Schatten sind auch Schuld, dass ich von Beirut wegkam, ohne eigentlich zu wissen wie: mein Denkwerk war sozusagen lahmgelegt und kam erst wieder vor Cypern etwas in Gang.
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«Hochgebirge das Kesruans, die wildeste und raueste Provinz des Libanon»
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Sonntag, den 20. Juni 1875. In Smyrna lag unsere Diana 28 Stunden vor Anker. Zeit genug, um alsbald an's Land zu fahren und die volle Zeit am Lande zu verbringen. (...) Seit G. Schliemann's Ausgrabungen ist die trojanische Frage, wie wir sie nennen, zur brennenden Frage geworden und ich unterschätze wahrlich den Werth der Lösung dieser Frage nicht. Wer die Situation der trojanischen Küste, das Schlachtfeld in der Flussebene, die Schutthügel dahinter sieht, muss auf Schliemann's Seite treten, der auf die natürlichste und eben darum wahrste Weise die topografische Frage löst. Der Ueberfall der Troer, um die griechischen Schiffe zu verbrennen, der Kundschafter, der in der Nacht den Weg von der Feste zum Meer hin und zurück machte, die Lage Troja's auf dem rechten Ufer des Skamander - das Alles passt zu Schliemanns Topographie, Der Einwand, dass die Mündung
des Mendere heutzutag keine Bucht mehr bildet, sondern Sümpfe, in denen kein Schiff mehr sich bergen kann, verschwindet Angesichts der Thatsache, dass an der ganzen Küste der Boden sich hebt, oder, wenn man eine andere Sprache vorzieht, das Meer im Zurückweichen begriffen ist. Vor dreitausend Jahren war noch Meeresbucht an der Stelle der Sümpfe, gross genug die Flotte der Griechen zu bergen, so sie jedenfalls geschützter lagen, beziehungsweise leichter an's Land zu ziehen waren als, als in der Bai von Besika, gegenüber Tenedos. Wer das alte Ilion nach Bunarbaschi verlegt, d.h. links von Skamandar Strabo's ist 14 Kilometer vom Meer entfernt und muss über Flüsse, Berg und Thal; allerdings finden sich dort auch alte Mauerreste, aber noch ungehoben ist der Inhalt den sie bergen, während Schliemann einen jedenfalls reichen, vollen Inhalt bei Hissarlik an's Licht gezogen. Dass der Inhalt uns nicht behagt und wir statt der Fratzengesichter auf den
Urnen und Lampen lieber ein späthgriechisches Ahnenbild sähen, ist natürlich. Ob uns eine Thatsache auch enttäuscht, so bleibt sie deswegen doch eine Thatsache und wenn Schliemann's Gegner nicht durch andere Thatsachen ihm gegenüberzutreten vermögen werde ich mich nicht irre machen lassen, Schliemann's Troja für dasjenige zu halten, welches den Stoff abgegeben hat für die homerischen Sagen (...).
An Bord der Albrecht am 28. Juni 1875. Die Woche in Konstantinopel flog wie ein Traum vorüber. Will man kein Buch schreiben über Konstantinopel, so thut man besser daran, lieber Nichts über die Wunderstadt am Bosperus zu schreiben. (...) Vom Donaudampfer aus, der mit allem Comfort versehen ist, sah ich zum Abschied von türkischem Boden noch lange einen Originaltürken, der auf einem Eckpfeiler am Quai mit überschlagenen Beinen hockte, unbeweglich wie eine Bildsäule, das getreue Abbild seines Vaterlandes.
Quelle: Oscar Fraas: Drei Monate am Libanon.
Verlag von Levy & Müller, Stuttgart 1876.
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