| Um es im ersten Satz zu sagen: Muhammads Erben. Die unbekannte Vielfalt des Islam von Wolfgang Günter Lerch, Nahost- und Nordafrikaredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist ein durchweg empfehlenswertes, gut geschriebenes und informatives Buch über die islamische Kultur der Gegenwart und ihre historischen Wurzeln.
Beides - Geschichte und Gegenwart des Islam - sind zu weiten Teilen nur wenig bekannt. Und dies trotz der zahlreichen Literatur über den Islam, die nicht erst seit der islamistischen Revolution im Iran vor 20 Jahren entstanden ist. In der allgemeinen Unkenntnis darf man zumindest eine der Ursachen sowohl für die diffusen Ängste suchen, die viele Menschen im Westen mit dem Islam verbinden, als auch für die romantisch-verklärten Vorstellungen so manches Orient-Liebhabers. Und Unkenntnis über die islamische Welt herrscht nach Ansicht des Autors leider auch dort vor, wo vertiefte Kenntnis dringender als irgend sonst geboten wäre: in der Außenpolitik der westlichen Staaten. Indem es Licht und Schatten des Islam ebenso wie der westlichen Wahrnehmung der islamischen Wirklichkeit unaufgeregt,
ausgewogen und ohne sich im Detail zu verlieren ausleuchtet, trägt dieses Buch auf eine angenehme Weise zum besseren Verständnis der muhammedanischen Religion, Kultur und Politik sowie auch der Konflikte zwischen islamischer und westlicher Staatenwelt bei. Lerch führt auf 200 Seiten in interessante Teilaspekte der reichen Geschichte der islamischen Kultur ein. So berichtet er in eigenen Kapiteln u.a. über die offene Rezeption der griechischen Philosophie, versucht die Grundlinien des uns völlig fremden Rechtssystems (der Scharia) aufzuzeigen und zeichnet am Beispiel der Türkei unterschiedliche Entwicklungspfade einzelner Traditionslinien nach. Dies ermöglicht ein besseres Verständnis der dort nebeneinander existierenden islamischen Kulturen des kemalistisch-reformierten, des sunnitischen und des alewitischen Islam. Neben der laizistischen Türkei, in der Staat und
Religion getrennt sind, widmet Lerch auch dem islamistischen Gottestaat Iran ein eigenes Kapitel. Hier konstatiert er erste Anzeichen für eine zukünftig tolerantere Politik der geistig-politischen Führung. Nicht nur die Kapitel über die Türkei und den Iran machen eines deutlich: Daß es "den" Islam eigentlich gar nicht gibt, sondern daß die islamische Welt sehr differenziert betrachtet werden muß. Für jedes der insgesamt acht Kapitel ist am Ende des Buches eine gut kommentierte Auswahlbiographie beigegeben, die den positiven Gesamteindruck abrundet. Wolfgang Günter Lerch: Muhammads Erben.
Die unbekannte Vielfalt des Islam.
8°. 200 S., Pp. Patmos Vlg., Ddf. 1999. |